NEITHARD BETHKE                          WERKVERZEICHNIS - NBWV
  
 

KLEINE AUSZEIT IM MÄRZ

Ein Raum für Andacht, Geist und Seele

Katharina von Bora - Luthers "Mein Herr Käthe"

Gnade und Fried in Christo. Lieber Herr Käthe! Ich weiß dir nichts zu schreiben, weil M. Philipps sampt den Andern selbst heim kommen. Ich muß länger hie bleiben umb des frommen Fürsten willen. […] Gestern hatt ich einen bosen Trunk gefasset: da mußt ich singen. Trink ich nicht wohl, das ist mir leid, und thäts son recht gerne, und gedacht, wie gut Wein und Bier hab ich daheime, dazu eine schone Frauen oder (sollt ich sagen) Herren. Und du thätest wohl, daß du mir herüberschicktest den ganzen Keller voll meins Weins und ein Pfloschen deines Bieres so erst du kannst. Sunst komme ich für dem neuen Bier nicht wieder. Hiermit Gott befohlen sampt unsern Jungern und allem Gesinde. Amen. (Mittwochen nach Jacobi, 1534. [Anm.: 29.07.1534])

Dein Liebchen, Mart. Luther


Nur selten leitet ein derart großer - aber beabsichtigter - inhaltlicher Bruch wie hier in der an dieser Stelle einen Text ein…, also Achtung, liebe Leser, tief einatmen:

Lippendorf bei Leipzig. Heute ein Ort, der vollständig in einem Industriegebiet aufgesogen ist, gezeichnet von Kraftwerkstürmen inmitten einer verwundeten Tagebaulandschaft. Ein Ort, dessen einzige Straßennamen „Hauptstraße“ und „Am Kohlekraftwerk“ lauten. Zwischen dem ehemaligen Tagebau Peres und der Halde Lippendorf steht unweit der S71 das ehemalige Rittergut Lippendorf, die „Hauptstraße“ durchquert hier elegant das alte Gutsgelände. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Katharina von Bora, die spätere Frau Martin Luthers, in diesem Haus - oder unweit davon -  am 29. Januar 1499 geboren wurde.

Schon mit 5 Jahren wird die kleine Katharina in das Kloster Brehna gegeben, das ungefähr 70 km entfernt liegt - um 1500 bedeutet das eine Reisezeit von ungefähr einer Woche. Mit zehn Jahren wird sie in das Zisterzienserinnenkloster in Nimbschen bei Grimma aufgenommen – es liegt idyllisch im Muldental, nur knapp 2 Kilometer von der nahen Stadt Grimma entfernt. Dort legt sie im Alter von 16 Jahren ihr Gelübde ab und hat vermutlich schon früh von Martin Luther gehört, der mehrmals auch in der Klosterkirche und der Nikolaikirche in Grimma predigte. Seine Schrift „Die Freiheit des Christenmenschen“ erreicht dann auch Katharina von Bora und einige Gefährtinnen.

„Gleich einem steinigen Gebirge lag das Kloster zwischen den beiden sanften Hügelketten der Aue. … Die mächtigen Linden, die auf der Höhe des Jahres das schwere Gemäuer umwogten, standen in dem herben, späten Frühling noch unbelaubt und der wilde Wein umwucherte es noch nicht.“  *

Die Frauen entscheiden sich zur Flucht aus dem Kloster. Am Karsamstag, den 4. April 1523 verstecken sich die 9 Nonnen in großen Fässern auf einem Pferdefuhrwerk und gelangen mit der Hilfe des Torgauer Ratsherren Leonhard Koppe aus dem Kloster Nimbschen nach Wittenberg. Hier angekommen beginnt nun ein ganz neues Leben: Martin Luther selbst kümmert sich um die schnelle Verheiratung der Nonnen, die als „Nymphlein“ von katholischen Geistlichen verspottet werden. Katharina bleibt übrig – und schließlich gibt sich Martin Luther selbst einen Ruck und heiratet sie 1525. Wie das Leben sovieler Frauen der Geschichte ist auch ihres nur indirekt über die Biografie ihres Mannes überliefert. Aus seinen vielen vielen Briefen an sie kann das Bild einer tatkräftigen, entschlußfreudigen Frau rekonstruiert werden, die Luthers heruntergekommenes „Schwarzes Kloster“ in Wittenberg in ein geschäftiges Haus und eine florierende Gästeherberge verwandelt.

Eine starke Persönlichkeit war sie wohl, die Frau an Luthers Seite, die von ihm zunehmend respektiert wurde und der er vollends vertraute. Katharina war aber auch eine Mutter, die zwei ihrer sechs Kinder beerdigen mußte und in ständiger Angst um Martin Luthers Gesundheit lebte. Schon das Jahr 1527 wir eines der schwersten für sie: sie kümmert sich bereits ihren einjährigen Sohn Johannes, der ihre volle Aufmerksamkeit fordert. Mit dem zweiten Kind ist sie schwanger, da erkrankt ihr Mann in Wittenberg so schwer, daß sie um sein Leben fürchten muß. Am 10. Dezember des gleichen Jahres wird dann die kleine Elisabeth geboren, die schon im Jahr darauf im Alter von acht Monaten verstirbt. Das ist der erste schwere Schicksalsschlag für das Ehepaar.

Bis 1534 werden vier weitere Kinder geboren: Magdalena, Martin, Paul und Margarethe. Katharina übernimmt selbst die Ausbildung der Mädchen, die Jungen erhalten eigene Lehrmeister und werden später auf eine Schule geschickt. Nur acht gemeinsame Jahre, die allein durch die vielen Reisen Luthers geschmälert werden, sind der Familie vergönnt. Stets präsent sind die wiederkehrenden körperlichen Leiden Martin Luthers. Katharina versucht, ihm mit ihrem profunden Kräuterwissen zu helfen, muß sich jedoch immer wieder anhören: „Da hilft mir dein Mist auch nicht mehr.“

Im September 1542 reißt der Tod der dreizehnjährigen Tochter Magdalena, die nach vier Tagen schwerer Krankheit in Wittenberg stirbt, die Eltern selbst aus dem Leben. „Mit der kleinen Elisabeth, die 1528 starb, war auch schon eigen Fleisch und Blut von ihrem Fleisch und Blut hinweggegangen, aber durch Magdalenas Tod fühlten sie sich selbst wie ertötet.“ ** Was in den Eltern vorgegangen sein mußte, als sie mit der Pflege der Tochter gefordert waren und dann doch dem Sterben des eigenen Kindes ausgeliefert waren - in Worten kann es sicher kaum ausgedrückt werden. Überliefert ist ein hilflos anmutender Ausspruch Martin Luthers, als das Kind in den Sarg gelegt wird: "Sieh, ach, das Bettchen ist zu klein."

Es folgen weitere schwere Schicksalsschläge: vier Jahre später stirbt Martin Luther während einer Reise und läßt sie als Witwe zurück. Zwar hatte er vorgesorgt und ein ungeheuerliches Testament aufgesetzt, das seine Frau als Verwalterin und Erbin vorsieht; ein bis dahin einmaliger Vorgang – doch Katharina konnte dieses Erbe nur gegen größte Widerstände antreten. Kurz darauf flieht sie mit ihren Kindern zunächst vor dem beginnenden Schmalkaldischen Krieg nach Magdeburg, 1552 schließlich zwingt die herannahende Pest sie zur Flucht nach Torgau. Katharina von Bora erleidet auf diesem Weg einen schweren Unfall mit dem Pferdefuhrwerk und wird noch wochenlang unter Schmerzen in der heutigen Torgauer Katharinenstraße 11, einem Quartier des ihr bekannten Wittenberger Medizinprofessors  Dr. Millich, gepflegt. Sie wird am 21. Dezember 1522 in der Stadtkirche St. Marien in Torgau beigesetzt.

* J. Klepper: Die Flucht der Katharina von Bora

** Ernst Kroker: "Katharina von Bora"

Schönster Herr Jesu, Kantate über ein altes geistliches Volkslied, Neithard Bethke, op. 54/ 1993

1. Satz: Orchestervorspiel

2. Satz: Chor und Solisten

Chor: Schönster Herr Jesu, Herrscher aller Herren, Gottes und Marien Sohn, dich will ich lieben, dich will ich ehren, du meiner Seele Freud und Kron'. 

Schön sind die Wälder, schöner sind die Felder in der schönen Frühlingszeit; Jesus ist schöner, Jesus ist reiner, der unser traurig Herz erfreut. 

gleichzeitig Vokalensemble: „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht, die Weisheit deiner Wege, die Liebe, die für alle wacht, anbetend überlege, so weiß ich von Bewundrung voll, nicht wie ich dich erheben soll, mein Gott, mein Herr und Vater.“




KLEINE AUSZEIT IM FEBRUAR

Laszlo Moholy-Nagy - Kunst lebt für die Gemeinschaft

"Wenn Ihr Beitrag wesentlich war, dann wird immer jemand dort wieder anfangen, wo Sie aufgehört haben, und das wird Ihr Anspruch auf Unsterblichkeit sein." (Walter Gropius)

Wir schreiben den Februar 1919: Zusammen mit Deutschland hat auch Österreich-Ungarn den Krieg verloren. Unter den Reparationen, die Italien als Wiedergutmachung einfordert, sind auch bedeutende Kunstwerke aus den nationalen Museen in Wien. Schon fahren die Lastautos vor, da wird in aller Eile eine Versammlung von Künstlern und Intellektuellen zusammengetrommelt. Der Name des Redners ist nicht erhalten, aber in einer Mitschrift ist überliefert was er dort gesagt hat – in einem kalten Februar, in dem die Menschen Holz im Wald zum Heizen gesammelt haben, in dem manche Menschen nurmehr Kleider aus Papier gehabt haben, in dem die meisten Menschen quälend hungerten und viele schwer erkrankt waren. In diesem Februar also ruft ein Redner der Versammlung beschwörend zu: „Ich sage allen, die mich hören wollen: Eine Stadt, die hungert, ist bedauernswert, ein Stadt, in der die Grippe Tausende hinwegrafft, ist ein Jammer. Doch ein Volk ohne Kunst ist eine Viehherde, und sein Leben und Sterben wird dann gleichgültig!“ (1)

Zwei Jahre zuvor, im Kriegsjahr 1917, wird der 22jährige k.u.k. Offizier Laszlo Moholy-Nagy an der russischen Front schwer verletzt. Die Zeit der Genesung wird für den angehenden Juristen eine Zeit der Neuorientierung. Er beginnt zu zeichnen und wägt sorgsam ab, ob es richtig sei "in den Zeiten der sozialen Umwälzung Maler zu werden?" (2) Schließlich trifft er seine Entscheidung. Rückblickend fast zeitgleich zu ebenjenem Aufruf des unbekannten Wiener Redners beschließt er, sein Leben der Kunst zu widmen. Im Jahr 1921 heiratet er die Künstlerin Lucia Moholy und wirkt freischaffend. Er wird zu einem der Pioniere der Moderne, in den 20er Jahren wird er Asisstent von Walter Gropius und später zu einem der bedeutendsten Lehrer am Bauhaus. In Berlin eröffnet er ein Atelier, jedoch erhält er 1934 in Deutschland ein Berufsverbot und emigriert schließlich über Amsterdam und England in die USA. Er gründet das "New Bauhaus" und später die School of Design Chicago. Laszlo Moholy - Nagy stirbt 1946.

Der Journalist Helmut Schneider faßte ein einem Beitrag über Moholy-Nagy dessen Auffassung vom Wirken der Kunst mit folgenden Worten zusammen: Kunst ist nur dann sinnvoll, wenn sie dem Menschen hilft, seine Situation zu erkennen. Eine Erkenntnis des Künstlers ist überliefert: "Die persönliche Befriedigung, Kunst zu schaffen, hat zum Glück der Massen nichts beigetragen. Nicht das Objekt, der Mensch ist das Ziel." 

Der Journalist führt in seinem Beitrag weiter aus: "Moholy-Nagy träumte einen utopischen Traum, und er hat es gewußt. Doch sein menschliches und künstlerisches Credo war nicht zu erschüttern: "Kunst lebt für die Gemeinschaft", sagte er wenige Jahre vor seinem Tod in einem Vortrag, "und sie transzendiert die Grenzen der Spezialisierung. Sie ist die intensivste und innerste Sprache der Sinne, und kein Individuum in der Gesellschaft kann auf sie verzichten." (3)



(1) aus: Neithard Bethke in seinen „Gedanken eines Musikers über den Lebenssinn“

(2) Laszlo Moholy-Nagy, Tagebuch

(3) Helmut Schneider, Kein Leben ohne Kunst, ZEIT 43/1974



"Wer sich der Einsamkeit ergibt" (aus op. 94 Zehn Lieder für Mezzosopran); Akademischer Chor Zittau/Görlitz und Collegium Musicum Olsztyn, Leitung: Neithard Bethke; Konzert in Zittau 2017 (Auszug)


Wer sich der Einsamkeit ergibt, ach der ist bald allein;           Ein jeder lebt, ein jeder liebt und läßt ihn seiner Pein.

Wer sich dem Weltgewühl ergibt, der ist zwar nie allein.      Doch was er lebt und was er liebt, es wird wohl nimmer sein.

Nur wer der Muse hin sich gibt, der weilet gern allein.           Er ahnt, daß sie ihn wieder liebt, von ihm geliebt will sein.

Sie kränzt den Becher und Altar, vergöttlicht Lust und Pein.    Was sie ihm gibt, es ist so wahr, gewährt ein ewig Sein.

Es blühet hell in seiner Brust der Lebensflamme Schein.        Im Himmlischen ist ihm bewußt das reine irdsche Sein.


(Bettina von Arnim)





KLEINE AUSZEIT IM JANUAR | EPIPHANIAS


Matthias Claudius - Der Mond ist aufgegangen

- Andacht von Bischof em. Karl Ludwig Kohlwage  (Lübeck) -


Für Thomas Mann zählt das Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ zu den schönsten deutschen Gedichten, wenn es nicht das schönste überhaupt ist. Jedenfalls ist es ein Volkslied von ungeheurer Popularität. Jeder kann es singen, niemand braucht sich zu genieren, wenn es angestimmt wird. Es ist nicht auf den kirchlichen Raum beschränkt, es ist auch nicht an den Abend gebunden. Man kann es bei Beerdigungen singen, wie ich es kürzlich erlebt habe, weil es ein Lied ist, das in eine die Todesgrenze überschreitende Ordnung und Geborgenheit einfügt: Gott, lass uns dein Heil schauen, nicht Eitelkeit uns freun.

Bischof Lilie hat es einmal bei einer für ihn unbequemen Situation zitiert: er war zu einem Gottesdienst eingeladen und stand auf einmal auf einer Kanzel, die für ihn, den relativ kleinen, gedrungenen Mann, ungünstige Größenmaße hatte. Er verschwand fast hinter dem hohen Kanzelpult, und war kaum zu sehen. Geistesgegenwärtig erklärte er der Gemeinde, hier denke er an Matthias Claudius und könne ihn leicht variieren: siehst du den Mann dort stehen, er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. Und schon hatte er die Situation gemeistert.

Das Abendlied hat etwas Hausväterliches, um ein altmodisches Wort zu gebrauchen: man kann sich eine ländliche Familie vorstellen, die nach getaner Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes Feierabend macht und zur Ruhe kommt und in die Landschaft schaut, über der der Mond aufgegangen ist, ein wunderbares, immer wieder ans Herz rührendes Bild.

Aber das Lied ist nicht nur Idylle. Die vom Mond erhellte Landschaft kann man als stille Kammer erleben, die des Tages Jammer vergessen lässt, aber in der Schluss-Strophe ist vom kalten Abendhauch die Rede, der mehr ist als eine Sache der Außentemperatur. Im kalten Abendhauch schwingt das Frösteln angesichts der Gefährdungen und Ungewissheiten der menschlichen Existenz mit – bis hin zum Frösteln angesichts des Todes, so Martin Geck in seiner wunderschönen Claudius-Biographie.

Die beiden ersten Strophen Naturbetrachtung, dann ergreift der Hausvater, von dem sich Bischof Lilie hat animieren lassen, in der 3. Strophe das Wort: zu dem gerade aufgegangenen Halbmond gehört eine unsichtbare zweite Hälfte. Daraus entwickelt sich eine kleine Predigt über die Hybris und Überheblichkeit des Menschen, der einerseits nur glaubt, was er sieht und deshalb für unvollkommen hält, was in Wahrheit rund und schön ist. Andererseits versteigt er sich zu Luftgespinsten und zweifelhaften Künsten.

Die letzten 3 Strophen sind Gebet: der Hausvater bittet für sich und seine Familie um einen schlichten, „uneitlen“, fröhlichen Glauben, um einen sanften Tod und Aufnahme in den Himmel. Den Himmel malt er nicht in reichen Farben, sondern lässt jeden das Seine darunter verstehen. Entscheidend ist die Perspektive der Ewigkeit. Wieder ganz in der Gegenwart fügt er den Wunsch an: Gott möge die Hausgemeinschaft ruhig schlafen lassen. Und dann meldet sich gleichsam von der Seite noch eine andere Stimme, wie mit kindlicher Direktheit: und unsern kranken Nachbarn auch.

Was für ein Lied! Das leuchtet unmittelbar ein: mit seiner Veröffentlichung 1779 beginnt eine Erfolgsgeschichte, die bis zum heutigen Tag anhält. Thomas Manns Urteil teilen viele.

Was für ein Lied! Trotzdem: es hat neben der Zustimmung immer auch und früh schon Kritik und Vorwürfe gegen dieses Lied gegeben. Es sei aufklärungs- und wissenschaftsfeindlich und gebe nicht viel auf die Vernunft des Menschen: wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel.

Diese Kritik erkennt einen Wesenszug des Dichters. Matthias Claudius ist kein Freund selbstgewisser Aufklärung und unerschütterlicher Wissenschaftsgläubigkeit gewesen. Im Blick auf die Gegenwart und jüngere Vergangenheit können wir fragen, ob er uns in dieser Skepsis nicht einiges zu sagen hat. Wenn er sich gegen „Luftgespinste“ und „viele Künste“ der Menschen wendet, müssen wir darin nicht eine große Hellsichtigkeit erkennen, wenn wir an die Folgen vermeintlicher Aufklärung und Wissenschaftlichkeit besonders in unserem Land denken?

Aufklärung ist eine große Sache, Kant hat eine kühne Vision in die Welt gesetzt vom „Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und seiner „Fähigkeit, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen“, wobei allerdings oft die die Warnung vergessen wurde, dass der Verstand nie gefeit ist gegen den Unverstand, die Wissenschaft nicht gegen die Ideologie.

Der Dank für die von Kant initiierte Aufklärung geht immer einher mit dem Erschrecken, wie schnell und gründlich sie im Deutschland der braunen Herren in der Justiz, in der Medizin, in den Medien, im Kulturbetrieb, in der Pädagogik usw. über den Haufen gerannt worden ist. Irrationalismus und Verblendung, besonders im mörderischen Rassenwahn, übernahmen die Herrschaft, zuletzt setzten sie auch mit verheerenden Folgen die militärische Vernunft außer Kraft, die den Kampf verbietet, wenn er aussichtslos geworden ist. Wir erinnern uns an die Ereignisse vor 70 Jahren.

Manche singen das Lied der Aufklärung in höchsten Tönen, ich vermag das nicht. Zur europäischen Aufklärung mit Menschenrechten, Demokratie und Selbstbestimmung gehört leider ein dunkler Abgrund, der diese Errungenschaften komplett und fast ohne spürbaren Widerstand verschlang.

Das Abendlied ist ein wunderbares Plädoyer für Maß und Demut. Der Mensch ist „eitel armer Sünder“ nicht wegen einzelner Fehltritte, sondern  aufgrund des Dünkels: alles ist machbar, alles können wir schaffen. Unsere Vernunft ist unschlagbar. Und dieser Machbarkeitswahn geht nicht selten einher mit dem Gegenteil: mit totaler Gleichgültigkeit, für die nur noch die eigne Person und ihr Wohlergehen interessant ist.

Claudius erinnert uns daran, dass wir weder allmächtig noch ohnmächtig sind. Er ist ein Zeuge großer Gelassenheit. Es gibt Grund, diesem Leben und dem, der es uns gegeben hat, zu vertrauen. Von ihm kommen wir und zu ihm gehen wir. Und auf diesem Weg können wir Sinnvolles und Gutes tun und erleben.

„Der Mond ist aufgegangen“: im Zeichen des Mondes schlägt Claudius eine wundervolle „Brücke zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde, zwischen Zeit und Ewigkeit“ (Martin Geck). Es gibt ein Zuhause, es gibt ein Ziel. Und: es gibt eine Sprache, die diese Wirklichkeit aufschließt.

Amen

 

"Du läßt dich wiedersehen" (aus op. 69 "Der Jahrkreis"); Neithard Bethke an seinem Bösendorfer Flügel


Du läßt dich wiedersehen, des Volkes alter Hort;                   Heil allen, die verstehen Dein Zeichen und dein Wort!            Du wandelst in den Lüften, im Säuseln vor uns her.               Du rollst in Felsenklüften die Donner, stark und schwer.


O Herr, wir sinken nieder vor deiner Herrlichkeit.               Noch einmal sende wieder die letzte Gnadenzeit,                   O hör' auf unser Flehen, und übe du Geduld,                     wenn wir dir eingestehen die Armut und die Schuld.


Wir haben all' verschwendet dein Erbteil und dein Gut.         Zum Eiteln uns gewendet vom ehrbar frommen Mut.             Was du so schön bereitet, was du so wohl bedacht,               hat alles uns verleitet zum Trotz auf eigne Macht.


Herr Gott, der allen Sündern in Gnaden gern vergibt.            Und an gefallnen Kindern im Strafen Wohlthat übt –            Wir Alle sinken nieder, und beten dich jetzt an,                    sind deines Leibes Glieder und streben himmelan!




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Dietrich Bonhoeffer - Von guten Mächten wunderbar geborgen

Der Mensch lebt notwendig in einer Begegnung mit anderen Menschen, und ihm wird mit dieser Begegnung in einer je verschiedenen Form eine Verantwortung für diesen Menschen auferlegt.

 

Am 4. Februar 1906 wird in der Straße Birkenwäldchen 7 (ul. Bartla Kazimierza) in Breslau ein Zwillingspärchen geboren. Die Geschwister Paula und Dietrich Bonhoeffer leben die ersten Jahre ihrer Kindheit in Wroclaw, nahe des heutigen Park Szczytnicki und direkt an einem Nebenfluß der Oder. Es ist eine sehr musikalische Familie, auch Dietrich Bonhoeffer erlernte das Klavierspielen. Im Jahr 1912 übernimmt der Vater Karl Bonhoeffer die Leitung der Berliner Universitäts-Nervenklinik, die Familie zieht nach Berlin. Dietrich Bonhoeffer wächst heran und wird einer der bedeutendsten Theologen Deutschlands. Er wendet sich früh gegen die Ideologie der Nationalsozialisten und warnt schon im Januar 1933, zwei Tage nach der Machtergreifung Hitlers, in einer Radioansprache vor den Gefahren des Führerprinzips - aus einem "Führer" könne sehr leicht auch ein "Verführer" werden.

Dietrich Bonhoeffer unternimmt viele Auslandsreisen. Mit der Einführung des Arierparagraphen 1933 geraten viele Pfarrer mit jüdischen Wurzeln in Schwierigkeiten, Bonhoeffer gründet gemeinsam mit Martin Niemöller und anderen den "Pfarrernotbund", aus dem später die Bekennende Kirche in Deutschland hervorgeht. Er beginnt, sich weltweit zu vernetzen und kehrt 1935 nach Deutschland zurück, um den Pfarrernachwuchs der Bekennenden Kirche auszubilden. Das geschieht zunächst in Zingst und Finkenwalde, wo Predigerseminare stattfanden. 1937 werden diese Seminare durch die Gestapo geschlossen, Bonhoeffer lehrt weiter in illegalen "Sammelvikariaten".  Glaube, Theologie und Leben gehörten für Bonhoeffer untrennbar zusammen, er schrieb einmal, „dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist“.

Im Januar 1943 verlobte sich Dietrich Bonhoeffer mit Maria von Wedemeyer. Die beiden sollten sich nur noch bei Besuchen Marias im Gefängnis wiedersehen, denn schon kurz darauf, im April 1943 wird er verhaftet in kam in das Gefängnis in Berlin-Tegel. Durch seine enge verwandschaftliche Beziehung zu Hans von Dohnanyi wußte er schon früh von den Umsturzplänen gegen Adolf Hitler. Weil die Verschwörungspläne jedoch noch nicht vollständig aufgedeckt waren, entschied er sich, in den Verhören zu lügen. „Wahrheit“ bedeutet für Bonhoeffer nicht unbedingt, dass der Inhalt der Worte den Tatsachen entsprechen muss, sondern kann auch heißen, ein Geheimnis zu wahren. Man müsse die konkrete Situation beachten und für das eigene Reden Verantwortung übernehmen: „Jedes Wort soll seinen Ort haben und behalten.“

Bonhoeffer hielt während seiner Inhaftierung einen umfassenden Briefwechsel an seine Eltern, seinen Freund Eberhard Bethge und seine Verlobte Maria von Wedemeyer aufrecht. Während der gesamten Haftzeit in Berlin schreiben sie sich Briefe. Berühmt geworden ist das Gedicht „Von guten Mächten“, dass er Maria und seiner Familie zum Jahreswechsel 1944/45 schickt. Veröffentlicht wurden alle Briefe später in den Bänden „Widerstand und Ergebung“ (1951) und „Brautbriefe Zelle 92“ (1992).

Am 9. April 1945 wird Dietrich Bonhoeffer gemeinsam mit Wilhelm Canaris, Hans Oster, Ludwig Gehre und Karl Sack, ebenfalls Beteiligte am militärischen Widerstand, im Konzentrationslager Flossenbürg durch Erhängen getötet.

 

„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ (Bonhoeffer zum Jahreswechsel 1942/1943 an seine Weggefährten)


Neithard Bethke verfaßte 1962 die hier eingespielte Melodie. Sie liegt zunächst seinem Orgelwerk "Fantasie c-moll",  op. 5 zugrunde und wurde später nochmals in der Motette "Von guten Mächten" op. 7

Fantasie c-moll für Orgel, op.5/1964                                                                                                                                             
über eine eigene Choralmelodie zu „Von guten Mächten“ (Dietrich Bonhoeffer)


EM 1838  |  ISMN 979-0-2007-1637-5
Durchsichtige kammermusikalische Ritornelle trennen die einzelnen Choralvariationen, die von einer blitzenden Toccata bis hin zu meditativen Gebetsklängen die farben- und formenreiche Palette von interessanten Möglichkeiten einer Choralfantasie ausnutzen.


Von guten Mächten treu und still umgeben, op. 7/1965

Choralkantate nach Worten von Dietrich Bonhoeffer für Sopransolo, Chor, konzertierende Orgel und Instrumente (Flöte, Violine, Violoncello, weitere ad lib.)
EM 963 | ISMN 979-0-2007-3097-5   Dauer: 13 min

Die Kantate op. 7 bedarf der Minimalbesetzung eines (sehr guten) Organisten, eines vierstimmig besetzten gemischten Chores und einer Solosopranistin. Damit ist bereits eine vollgültige Aufführung möglich. Nach alter Kantoreipraxis können Chorstimmen farbig instrumentiert werden mit den Instrumenten, die in der Kantorei gerade zur Verfügung stehen. (zum Hörbeispiel unter "Kantaten und Motetten")




www.ekd.de, www.bonhoeffer-initiative.com

 





"Von guten Mächten" (aus op. 68 "Sammlung von zehn neuen Kirchenliedmelodien"); Neithard Bethke an seinem Konzert- Harmonium der Estoy Organ Company (Battleboro, Virginia/USA, Baujahr 1921)

Von guten Mächten treu und still umgeben,                      behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben                                   und mit euch gehen in ein neues Jahr.


Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

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