NEITHARD BETHKE                          WERKVERZEICHNIS - NBWV
  
 

KLEINE AUSZEIT IM JANUAR | EPIPHANIAS

Ein Raum für Andacht, Geist und Seele



Matthias Claudius - Der Mond ist aufgegangen

- Andacht von Bischof em. Karl Ludwig Kohlwage  (Lübeck) -


Für Thomas Mann zählt das Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ zu den schönsten deutschen Gedichten, wenn es nicht das schönste überhaupt ist. Jedenfalls ist es ein Volkslied von ungeheurer Popularität. Jeder kann es singen, niemand braucht sich zu genieren, wenn es angestimmt wird. Es ist nicht auf den kirchlichen Raum beschränkt, es ist auch nicht an den Abend gebunden. Man kann es bei Beerdigungen singen, wie ich es kürzlich erlebt habe, weil es ein Lied ist, das in eine die Todesgrenze überschreitende Ordnung und Geborgenheit einfügt: Gott, lass uns dein Heil schauen, nicht Eitelkeit uns freun.

Bischof Lilie hat es einmal bei einer für ihn unbequemen Situation zitiert: er war zu einem Gottesdienst eingeladen und stand auf einmal auf einer Kanzel, die für ihn, den relativ kleinen, gedrungenen Mann, ungünstige Größenmaße hatte. Er verschwand fast hinter dem hohen Kanzelpult, und war kaum zu sehen. Geistesgegenwärtig erklärte er der Gemeinde, hier denke er an Matthias Claudius und könne ihn leicht variieren: siehst du den Mann dort stehen, er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. Und schon hatte er die Situation gemeistert.

Das Abendlied hat etwas Hausväterliches, um ein altmodisches Wort zu gebrauchen: man kann sich eine ländliche Familie vorstellen, die nach getaner Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes Feierabend macht und zur Ruhe kommt und in die Landschaft schaut, über der der Mond aufgegangen ist, ein wunderbares, immer wieder ans Herz rührendes Bild.

Aber das Lied ist nicht nur Idylle. Die vom Mond erhellte Landschaft kann man als stille Kammer erleben, die des Tages Jammer vergessen lässt, aber in der Schluss-Strophe ist vom kalten Abendhauch die Rede, der mehr ist als eine Sache der Außentemperatur. Im kalten Abendhauch schwingt das Frösteln angesichts der Gefährdungen und Ungewissheiten der menschlichen Existenz mit – bis hin zum Frösteln angesichts des Todes, so Martin Geck in seiner wunderschönen Claudius-Biographie.

Die beiden ersten Strophen Naturbetrachtung, dann ergreift der Hausvater, von dem sich Bischof Lilie hat animieren lassen, in der 3. Strophe das Wort: zu dem gerade aufgegangenen Halbmond gehört eine unsichtbare zweite Hälfte. Daraus entwickelt sich eine kleine Predigt über die Hybris und Überheblichkeit des Menschen, der einerseits nur glaubt, was er sieht und deshalb für unvollkommen hält, was in Wahrheit rund und schön ist. Andererseits versteigt er sich zu Luftgespinsten und zweifelhaften Künsten.

Die letzten 3 Strophen sind Gebet: der Hausvater bittet für sich und seine Familie um einen schlichten, „uneitlen“, fröhlichen Glauben, um einen sanften Tod und Aufnahme in den Himmel. Den Himmel malt er nicht in reichen Farben, sondern lässt jeden das Seine darunter verstehen. Entscheidend ist die Perspektive der Ewigkeit. Wieder ganz in der Gegenwart fügt er den Wunsch an: Gott möge die Hausgemeinschaft ruhig schlafen lassen. Und dann meldet sich gleichsam von der Seite noch eine andere Stimme, wie mit kindlicher Direktheit: und unsern kranken Nachbarn auch.

Was für ein Lied! Das leuchtet unmittelbar ein: mit seiner Veröffentlichung 1779 beginnt eine Erfolgsgeschichte, die bis zum heutigen Tag anhält. Thomas Manns Urteil teilen viele.

Was für ein Lied! Trotzdem: es hat neben der Zustimmung immer auch und früh schon Kritik und Vorwürfe gegen dieses Lied gegeben. Es sei aufklärungs- und wissenschaftsfeindlich und gebe nicht viel auf die Vernunft des Menschen: wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel.

Diese Kritik erkennt einen Wesenszug des Dichters. Matthias Claudius ist kein Freund selbstgewisser Aufklärung und unerschütterlicher Wissenschaftsgläubigkeit gewesen. Im Blick auf die Gegenwart und jüngere Vergangenheit können wir fragen, ob er uns in dieser Skepsis nicht einiges zu sagen hat. Wenn er sich gegen „Luftgespinste“ und „viele Künste“ der Menschen wendet, müssen wir darin nicht eine große Hellsichtigkeit erkennen, wenn wir an die Folgen vermeintlicher Aufklärung und Wissenschaftlichkeit besonders in unserem Land denken?

Aufklärung ist eine große Sache, Kant hat eine kühne Vision in die Welt gesetzt vom „Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und seiner „Fähigkeit, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen“, wobei allerdings oft die die Warnung vergessen wurde, dass der Verstand nie gefeit ist gegen den Unverstand, die Wissenschaft nicht gegen die Ideologie.

Der Dank für die von Kant initiierte Aufklärung geht immer einher mit dem Erschrecken, wie schnell und gründlich sie im Deutschland der braunen Herren in der Justiz, in der Medizin, in den Medien, im Kulturbetrieb, in der Pädagogik usw. über den Haufen gerannt worden ist. Irrationalismus und Verblendung, besonders im mörderischen Rassenwahn, übernahmen die Herrschaft, zuletzt setzten sie auch mit verheerenden Folgen die militärische Vernunft außer Kraft, die den Kampf verbietet, wenn er aussichtslos geworden ist. Wir erinnern uns an die Ereignisse vor 70 Jahren.

Manche singen das Lied der Aufklärung in höchsten Tönen, ich vermag das nicht. Zur europäischen Aufklärung mit Menschenrechten, Demokratie und Selbstbestimmung gehört leider ein dunkler Abgrund, der diese Errungenschaften komplett und fast ohne spürbaren Widerstand verschlang.

Das Abendlied ist ein wunderbares Plädoyer für Maß und Demut. Der Mensch ist „eitel armer Sünder“ nicht wegen einzelner Fehltritte, sondern  aufgrund des Dünkels: alles ist machbar, alles können wir schaffen. Unsere Vernunft ist unschlagbar. Und dieser Machbarkeitswahn geht nicht selten einher mit dem Gegenteil: mit totaler Gleichgültigkeit, für die nur noch die eigne Person und ihr Wohlergehen interessant ist.

Claudius erinnert uns daran, dass wir weder allmächtig noch ohnmächtig sind. Er ist ein Zeuge großer Gelassenheit. Es gibt Grund, diesem Leben und dem, der es uns gegeben hat, zu vertrauen. Von ihm kommen wir und zu ihm gehen wir. Und auf diesem Weg können wir Sinnvolles und Gutes tun und erleben.

„Der Mond ist aufgegangen“: im Zeichen des Mondes schlägt Claudius eine wundervolle „Brücke zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde, zwischen Zeit und Ewigkeit“ (Martin Geck). Es gibt ein Zuhause, es gibt ein Ziel. Und: es gibt eine Sprache, die diese Wirklichkeit aufschließt.

Amen

 

"Du läßt dich wiedersehen" (aus op. 69 "Der Jahrkreis"); Neithard Bethke an seinem Bösendorfer Flügel


Du läßt dich wiedersehen, des Volkes alter Hort;                   Heil allen, die verstehen Dein Zeichen und dein Wort!            Du wandelst in den Lüften, im Säuseln vor uns her.               Du rollst in Felsenklüften die Donner, stark und schwer.


O Herr, wir sinken nieder vor deiner Herrlichkeit.               Noch einmal sende wieder die letzte Gnadenzeit,                   O hör' auf unser Flehen, und übe du Geduld,                     wenn wir dir eingestehen die Armut und die Schuld.


Wir haben all' verschwendet dein Erbteil und dein Gut.         Zum Eiteln uns gewendet vom ehrbar frommen Mut.             Was du so schön bereitet, was du so wohl bedacht,               hat alles uns verleitet zum Trotz auf eigne Macht.


Herr Gott, der allen Sündern in Gnaden gern vergibt.            Und an gefallnen Kindern im Strafen Wohlthat übt –            Wir Alle sinken nieder, und beten dich jetzt an,                    sind deines Leibes Glieder und streben himmelan!




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Dietrich Bonhoeffer - Von guten Mächten wunderbar geborgen

Der Mensch lebt notwendig in einer Begegnung mit anderen Menschen, und ihm wird mit dieser Begegnung in einer je verschiedenen Form eine Verantwortung für diesen Menschen auferlegt.

 

Am 4. Februar 1906 wird in der Straße Birkenwäldchen 7 (ul. Bartla Kazimierza) in Breslau ein Zwillingspärchen geboren. Die Geschwister Paula und Dietrich Bonhoeffer leben die ersten Jahre ihrer Kindheit in Wroclaw, nahe des heutigen Park Szczytnicki und direkt an einem Nebenfluß der Oder. Es ist eine sehr musikalische Familie, auch Dietrich Bonhoeffer erlernte das Klavierspielen. Im Jahr 1912 übernimmt der Vater Karl Bonhoeffer die Leitung der Berliner Universitäts-Nervenklinik, die Familie zieht nach Berlin. Dietrich Bonhoeffer wächst heran und wird einer der bedeutendsten Theologen Deutschlands. Er wendet sich früh gegen die Ideologie der Nationalsozialisten und warnt schon im Januar 1933, zwei Tage nach der Machtergreifung Hitlers, in einer Radioansprache vor den Gefahren des Führerprinzips - aus einem "Führer" könne sehr leicht auch ein "Verführer" werden.

Dietrich Bonhoeffer unternimmt viele Auslandsreisen. Mit der Einführung des Arierparagraphen 1933 geraten viele Pfarrer mit jüdischen Wurzeln in Schwierigkeiten, Bonhoeffer gründet gemeinsam mit Martin Niemöller und anderen den "Pfarrernotbund", aus dem später die Bekennende Kirche in Deutschland hervorgeht. Er beginnt, sich weltweit zu vernetzen und kehrt 1935 nach Deutschland zurück, um den Pfarrernachwuchs der Bekennenden Kirche auszubilden. Das geschieht zunächst in Zingst und Finkenwalde, wo Predigerseminare stattfanden. 1937 werden diese Seminare durch die Gestapo geschlossen, Bonhoeffer lehrt weiter in illegalen "Sammelvikariaten".  Glaube, Theologie und Leben gehörten für Bonhoeffer untrennbar zusammen, er schrieb einmal, „dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist“.

Im Januar 1943 verlobte sich Dietrich Bonhoeffer mit Maria von Wedemeyer. Die beiden sollten sich nur noch bei Besuchen Marias im Gefängnis wiedersehen, denn schon kurz darauf, im April 1943 wird er verhaftet in kam in das Gefängnis in Berlin-Tegel. Durch seine enge verwandschaftliche Beziehung zu Hans von Dohnanyi wußte er schon früh von den Umsturzplänen gegen Adolf Hitler. Weil die Verschwörungspläne jedoch noch nicht vollständig aufgedeckt waren, entschied er sich, in den Verhören zu lügen. „Wahrheit“ bedeutet für Bonhoeffer nicht unbedingt, dass der Inhalt der Worte den Tatsachen entsprechen muss, sondern kann auch heißen, ein Geheimnis zu wahren. Man müsse die konkrete Situation beachten und für das eigene Reden Verantwortung übernehmen: „Jedes Wort soll seinen Ort haben und behalten.“

Bonhoeffer hielt während seiner Inhaftierung einen umfassenden Briefwechsel an seine Eltern, seinen Freund Eberhard Bethge und seine Verlobte Maria von Wedemeyer aufrecht. Während der gesamten Haftzeit in Berlin schreiben sie sich Briefe. Berühmt geworden ist das Gedicht „Von guten Mächten“, dass er Maria und seiner Familie zum Jahreswechsel 1944/45 schickt. Veröffentlicht wurden alle Briefe später in den Bänden „Widerstand und Ergebung“ (1951) und „Brautbriefe Zelle 92“ (1992).

Am 9. April 1945 wird Dietrich Bonhoeffer gemeinsam mit Wilhelm Canaris, Hans Oster, Ludwig Gehre und Karl Sack, ebenfalls Beteiligte am militärischen Widerstand, im Konzentrationslager Flossenbürg durch Erhängen getötet.

 

„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ (Bonhoeffer zum Jahreswechsel 1942/1943 an seine Weggefährten)


Neithard Bethke verfaßte 1962 die hier eingespielte Melodie. Sie liegt zunächst seinem Orgelwerk "Fantasie c-moll",  op. 5 zugrunde und wurde später nochmals in der Motette "Von guten Mächten" op. 7

Fantasie c-moll für Orgel, op.5/1964                                                                                                                                             
über eine eigene Choralmelodie zu „Von guten Mächten“ (Dietrich Bonhoeffer)


EM 1838  |  ISMN 979-0-2007-1637-5
Durchsichtige kammermusikalische Ritornelle trennen die einzelnen Choralvariationen, die von einer blitzenden Toccata bis hin zu meditativen Gebetsklängen die farben- und formenreiche Palette von interessanten Möglichkeiten einer Choralfantasie ausnutzen.


Von guten Mächten treu und still umgeben, op. 7/1965

Choralkantate nach Worten von Dietrich Bonhoeffer für Sopransolo, Chor, konzertierende Orgel und Instrumente (Flöte, Violine, Violoncello, weitere ad lib.)
EM 963 | ISMN 979-0-2007-3097-5   Dauer: 13 min

Die Kantate op. 7 bedarf der Minimalbesetzung eines (sehr guten) Organisten, eines vierstimmig besetzten gemischten Chores und einer Solosopranistin. Damit ist bereits eine vollgültige Aufführung möglich. Nach alter Kantoreipraxis können Chorstimmen farbig instrumentiert werden mit den Instrumenten, die in der Kantorei gerade zur Verfügung stehen. (zum Hörbeispiel unter "Kantaten und Motetten")




www.ekd.de, www.bonhoeffer-initiative.com

 





"Von guten Mächten" (aus op. 68 "Sammlung von zehn neuen Kirchenliedmelodien"); Neithard Bethke an seinem Konzert- Harmonium der Estoy Organ Company (Battleboro, Virginia/USA, Baujahr 1921)

Von guten Mächten treu und still umgeben,                      behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben                                   und mit euch gehen in ein neues Jahr.


Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

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