NEITHARD BETHKE                          WERKVERZEICHNIS - NBWV
  
 

KLEINE AUSZEIT - IM SOMMER 2022

Ein Raum für Andacht, Geist und Seele


Der Fluch des Krieges
von Anette Kurschus, Ratsvorsitzende der EKD

Wer einen anderen tötet, kommt von der Tat kaum mehr los. Denn allein die Opfer könnten vergeben. Doch eine Hoffnung gibt es.



Eine Krankenschwester erzählt von einem alten Mann, den sie einst gepflegt hat. Nacht für Nacht wälzte er sich im Bett, schreit, stöhnt, findet vor innerer Unruhe keinen Schlaf- obwohl die körperlichen Schmerzen gelindert sind. Warum? Er preßt die Lippen zusammen. Irgendwann geht sie ihn an, er solle endlich damit rausrücken, was ihn quäle. „Ich habe soviele umgebracht“, habe er stammelnd geflüstert und danach nicht mehr aufhören können zu weinen.

Der Krieg war lange vorbei, aber für diesen Mann war er eine nicht vergehende Vergangenheit. Die Menschen, die er tötete, suchten ihn heim und ließen ihn nicht los. „Wer Böses tut, kommt durch seine Bosheit um“, heißt es in der Bibel (Psalm 34,22). Mit der bösen Tat tut man nicht nur dem Opfer etwas an, sondern auch sich selbst. Überhaupt: läßt sich die Linie zwischen Opfern und Tätern so leicht ziehen? Ein ukrainischer junger Mann hat bei der Verteidigung seines Landes, zu der der Angriffskrieg ihn genötigt hat, einen russischen jungen Mann, der an die Front gezwungen wurde, erschossen. Ist er der Täter? Ist er Opfer? Jedenfalls ist er ein Mensch, der einen anderen Menschen getötet hat und dem dieser tote Menschenbruder ein Leben lang auf der Seele liegen wird. Wer einen Angreifer tötet, mag moralisch unschuldig sein und ist doch nicht gefeit vor schlaflosen Nächten und innerem Unfrieden.

Gewiss, nicht jeder leidet nachher Gewissensqualen. Paul Tibbets zum Beispiel, der Pilot, der die Atombombe über Hiroshima abwarf, war zeitlebens stolz auf seine Tat. „Ich hatte nie eine schlaflose Nacht, nur weil ich die Bombardierung befehligte“, bekannte Tibbets. Doch so unangefochten sind wohl die wenigsten. Gott sei Dank.

Das Bewußtsein, selbst getötet zu haben, läßt wohl innerlich kaum jemanden ungeschoren. Das mag an der gandenlosen Endgültigkeit des Todes liegen. Es gibt hier keine „Wiedergutmachung“. Dieses Wort hält in der Regel nur entfernt, was es verspircht. Gewiss, man kann und muß Tribunale durchführen, man kann und muß Strafen verhängen zur Sühne von Unrecht, Geld zahlen zum Ausgleich für Verluste, Häuser wieder aufbauen, manchmal schöner als zuvor.Tote jedoch werden nicht wieder lebendig.
Deshalb stöhnte jener alte Mann Nacht für Nacht in sein Kissen. Und deshalb gehen auch viele der Sieger aus einem gewonnenen Krieg als gefühlte Verlierer nach Hause. Das ist der Fluch des Krieges, der Fluch des Tötens. Es gibt keine Wiedergutmachung, selbst für den edelsten und stärksten Menschen nicht. Die Opfer allein könnten vergeben, sie allein könnten den erlösenden Freispruch gewähren. Aber die Toten bleiben tot, und wer wolle sich anmaßen, es an ihrer Stelle zu tun?

„Ich tue nicht das, was ich eigentlich will - das Gute. Sondern ich tue das, was ich nicht will – das Böse“: so beschreibt der Apostel Paulus die verzweifelte Unfähigkeit zum Guten. Die Sünde wohne in seinem Leib, so drastisch drückt er es aus; sein ganzer Körper sei ihr Gefangener. Paulus fleht: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?“ (Römer 7,19 ff) Und ich denke an den alten Mann, der sich in seinem Bett wälzt.

Es gibt keinen Vergebungsautomatismus, es gibt keine billige Gnade. Aber es gibt diese verzweifelte Einsicht, diese erschütterte Klage. Wir können mitklagen und dazu helfen, dass aus der Klage ein Ruf zu Gott wird, ein Stoßgebet. Ob und wie unser Gebet Antwort findet, liegt bei Gott. Wir haben kein Gewähr. Wir haben allein Christus, der für uns eintritt, und die tief gegründete Hoffnung, dass er alles gutmachen wird.

Annette Kurschus, Ratsvorsitzende der EKD, erschienen in chrismon 5.2022

Ja, ich will euch tragen

aus dem Ratzeburger Chorbuch, op. 70

Ratzeburcher Domchor, Leitung: Neithard Bethke; Text: Jochen Klepper


Ja, ich will euch tragen, bis zum Alter hin. Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.

Ist mein Wort gegeben, will ich es auch tun. Will euch milde heben, ihr dürft stille ruhn.

Laßt nun eure Fragen, Hilfe ist genug. Ja, ich will euch tragen, wie ich immer trug.


Erschienen im Ratzeburger Chorbuch, EM 394







KLEINE AUSZEIT - IM FRÜHJAHR


ich versuche seit achtundfünfzig tagen

erfolglos zu weinen


von Jule Weber



was mich in diesen tagen nicht zum weinen gebracht hat:
ein video, in dem ein hund stirbt
die sehnsucht nach so manchem
die außeinandersetzung mit dem, was passiert ist
ein gespräch über richtig echte liebe
grenzenlose müdigkeit
dienstage
selbstzweifel
der geburtstag eines geliebten, der lange schon fort ist
angestoßene fußzehen
überforderte wut
all das funktioniert ansonsten verlässlich

was mich in diesen tagen zum weinen gebracht hat:
zwiebeln schneiden
shampoo im auge
beides zählt bekanntlich nicht

manchmal fühle ich, wie sich mein mund verzieht
wie es mir heiß in meine augen steigt
mein puls sich messbar beschleunigt
und ich greif nach dem gefühl und halte es
dann kichert es leise und rinnt mir durch die finger

an manchen tagen fühlt sich es an
als hätte die gute laune mich meine tränen gekostet
eine salzige wüste hinterlassen
und da stehe ich jetzt und bin unendlich durstig
mein mund so trocken, dass ich gar nichts mehr sagen kann

achtundfünfzig tage warte ich auf die katharsis
denke zurück an diese vier guten minuten
die ich das neue jahr mit bitterlichem gejaule begrüßte
wie eine rakete, die sich zündet
aber niemals zum leuchten explodiert

was ich in diesen tagen empfunden habe:
jede nur vorstellbare emotion

wie sich all das geäußert hat:
hysterisches lachen
angespanntes schweigen
ungebrochenes gerede
katzengleiches fauchen
grabentiefes seufzen
abgefuckte schlaflosigkeit
ein kratzen an haut und herz und in der stimme
verstärkte verwendung von fluchwörtern
fuck ey
kann man echte traurigkeit auf ebay kaufen?
ich biete gerne allen grund dazu
immer ein bisschen mehr als davor gerade
drei
zwei
eins

an manchen tagen sehe ich andere leute weinen
und mache mir notizen in ein kleines heft
über grund der tränen, menge
und beschaffenheit, wie salzig, wie schwer
ich studiere die dichte und viskosität

an manchen tagen will ich einen klempner kontaktieren
weil ich denke, irgendwas ist nicht intakt
hausmittel könnten sein:
backpulver und zitronensaft,
laut internet kann das blockaden lösen

ich träufle mir wehmut unter die lider,
einmal hab ich sogar celine dion gehört
so oft hab ich nachts vom weinen geträumt
und bin aufgewacht voller erwartung,
voller traurigkeit auch, die nur in mir bleibt.



© Jule Weber 02/2021

www.webersjule.de

De vita
Geistliches Konzert

Neithard Bethke, op. 18/1970; 3. Satz


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Aufnahme Kreuzkirche Görlitz, 2018 Orgel: Olga Dribas, Querflöte: Katrin Paulitz


 


KLEINE AUSZEIT - IM FEBRUAR

Jesus - in schlechter Gesellschaft

von Jonathan Hahn, ev. Kirche Bernstadt

Die folgende Begebenheit trug sich zu an einem Sonntagvormittag, Anfang der 60er Jahre in den USA. Ein Schwarzer wollte einen Gottesdienst besuchen. Er kam zur Kirche und musste feststellen, dass es eine „weiße“ Kirchgemeinde war. Unter denen, die zur Kirchentür schritten, sah er nur Angehörige weißer Hautfarbe. Trotzdem gab er sich einen Ruck und ging auf die Kirchentüre zu. Er wurde befremdlich angeschaut. Als der in die Kirche eintreten wollte, wurde er vom Begrüßungsdienst angehalten. Ob er denn nicht sehen würde, dass hier nur Zutritt für Weiße gelte. Andere Rassen seien hier unerwünscht. Bevor der Schwarze wieder umkehren musste, sagte er schlagfertig: „Ich wollte eigentlich Gottesdienst feiern und Gott loben. Aber nun merke ich: In diesem Haus ist Er scheinbar gar nicht zu finden.“

Wo ist Gott zu finden? Diese Frage hat Jesus wie alle seine Zeitgenossen umgetrieben. Die Antwort Jesu fiel allerdings ganz anders aus als im offiziellen Mainstream: Gott ist auch dort zu Hause, wo man ihn nicht vermutet. Gott bewirkt Heilung auch in Sündern, Gaunern, Kranken, Verstoßenen, bei gierigen Steuereintreibern genauso wie bei Prostituierten. Jesus begab sich oft - sehr zum Ärger vieler - in schlechte Gesellschaft. Seine Runden mit dem Abschaum der Gesellschaft sind legendär. Für Jesus waren solche Tischgemeinschaften nicht weniger als ein Vorgeschmack auf das himmlische Reich.

Aber unter den Vorzeichen dieser Welt galt es als schlechte Gesellschaft. Jede Zeit und jede Gesellschaft definiert für sich neu, was „schlechte Gesellschaft“, was „schlechter Umgang“ ist.

Gesellschaften waren in sich schon immer uneins, nie homogen. Wenn heute von der „Spaltung der Gesellschaft“ geredet wird, sollte man das nicht vergessen. Schon immer wurden Trennlinien gezogen - gezielt oder unbewusst. Zwischen Juden und Ariern, zwischen Bonzen und Werktätigen, zwischen „Spaziergängern“ und Daheimbleibern.

Oder zwischen Sündern und Gläubigen, wie zur Zeit Jesu. Und ausgerechnet in dieser Zeit macht sich ein Soldat auf. Jesus selber ist vom Vertrauen dieses Menschen überrascht. Dieser Soldat, dieser Hauptmann von Kapernaun, ist gleich in dreierlei Hinsicht ein Feindbild: Er ist 1. Soldat der Besatzer: Er diente dem verhassten König Herodes Agrippa. Dieser ließ u.a. Johannes den Täufer hinrichten, der im Volk hochangesehen war. Der Hauptmann ist 2. ein Ungläubiger: Er betet zu den römischen Gottheiten Mars und Jupiter, nicht zu dem einen Gott. Und er ist 3. ein Ausländer: keiner aus Israel, sondern eben ein Heide. Dass ausgerechnet so einer zu Jesus kommt, dass er in aller Demut kommt, aber mit einem großen Vertrauen, das überrascht selbst Jesus. „Als Jesus das hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: (…) „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden.“

Man kann die Frage stellen, ob Jesus selber noch dazulernen musste. Er fühlte sich ja erst nur für das Volk Israel zuständig. Seine Sicht änderte sich jedoch im Laufe der Zeit. Er entdeckte, dass Gottes Ruf gesellschaftliche Konventionen aufbricht. Gottes Herz ist immer größer.

Und seitdem gilt für die Nachfolge in Jesu Fußspuren auch die Grenzüberschreitung im Tun und Denken. Wie wäre es, wenn wir nicht mehr daran arbeiten, unsere Sichtweisen richtig zu finden? Wie wäre es, sich bewusst mal in „schlechte Gesellschaft“ zu begeben? Gezielt mal wieder ein Kaffeetrinken auszumachen mit jemanden, von dem ich weiß: Wir haben uns über ganz unterschiedliche Sichtweisen voneinander entfremdet? Der Hauptmann von Kapernaum hat sich damals aufgemacht. Und Jesus hat sich innerlich geöffnet. Es kam zu einer folgenreichen Begegnung Damals passierte mehr als nur eine Horizonterweiterung.

Die Erfahrung Gottes im fremden Gegenüber. Und die ist oft so eindrücklich, dass sie das Leben prägt. Und den Glauben. Und den Nächsten. Amen.

De vita

Geistliches Konzert

Neithard Bethke, op. 18/1970; 4. Satz


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Aufnahme Kreuzkirche Görlitz, 2018 Orgel: Olga Dribas, Querflöte: Katrin Paulitz




KLEINE AUSZEIT - ZUM NEUEN JAHR

Winston Churchill - Anfangen


Ich werde Ihnen nun von einer persönlichen Erfahrung berichten. Als ich Ende Mai 1915 aus der Admiralität ausschied, blieb ich weiterhin Mitglied des Kabinetts und des Kriegsrates. In dieser Position wusste ich alles und konnte nichts tun. Der Wechsel von der intensiven leitenden Tätigkeit, die jeden Arbeitstag bei der Admiralität ausfüllte, zu den sehr überschaubaren Aufgaben eines Beraters ließ mich nach Luft schnappen. Wie einem Tiefseebewohner im Netz oder einem zu rasch emporgezogenen Taucher drohten mir infolge des abfallenden Drucks die Adern zu platzen. Ich war voller Unruhe und nichts half mir, sie zu lindern; ich hatte vehemente Überzeugungen und wenig Macht, sie durchzusetzen.

Ich mußte zusehen, wie große Chancen unglückselig vertan wurden und Pläne, die ich angestoßen hatte und von denen ich zutiefst überzeugt war, nur zögerlich umgesetzt wurden. Ich hatte lange Stunden gänzlich ungewohnter Muße, um über die schreckliche Entwicklung des Krieges nachzudenken. Zu einem Zeitpunkt, in dem jede Faser meines Wesens zu handeln verlangte, war ich gezwungen, die Tragödie als Zuschauer zu erleben, dem man grausamerweise einen Platz in der ersten Reihe zugewiesen hatte. Da aber kam mir die Muße der Malerei zu Hilfe – aus Barmherzigkeit und Edelmut, denn eigentlich hatte sie ja nichts mit mir zu tun –, und fragte: „Kannst du mit diesen Spielzeugen etwas anfangen? Manchen gefallen sie.“

Einige Experimente mit dem Malkasten der Kinder, an einem Sonntag auf dem Land, brachten mich dazu, mir am nächsten Morgen eine komplette Ausrüstung für die Ölmalerei zu besorgen.

Nachdem ich Farbtuben, eine Staffelei und eine Leinwand gekauft hatte, galt es nun den nächsten Schritt zu tun und anzufangen. Aber welch ein Schritt ist das! Auf der Palette glänzten Farbkügelchen; rein und weiß bot sich mir die Leinwand dar; der unbefleckte Pinsel verharrte schicksalsträchtig, aber unentschlossen in der Luft. Ein stummes Veto schien meiner Hand Einhalt zu gebieten.

Allerdings war der Himmel zu diesem Zeitpunkt unbestreitbar blau, ein blasses Blau zudem. Folglich stand außer Zweifel, dass blaue Farbe, mit Weiß angemischt, auf den oberen Teil der Leinwand aufzutragen war. Um das zu erkennen, braucht man in der Tat keine künstlerische Ausbildung. Das ist der Ausgangspunkt, der jedermann offensteht. Also mischte ich mit einem sehr schmalen Pinsel ein wenig blaue Farbe auf der Palette an und setzte dann mit unendlicher Vorsicht einen etwa bohnengroßen Tupfen auf die pikierte schneeweiße Fläche. Es war eine Herausforderung, eine wohlüberlegte Kampfansage, aber so zaghaft, halbherzig und in der Tat so verkrampft, dass sie keine Antwort verdiente.

In diesem Augenblick war das deutliche Geräusch eines Autos zu hören, das in die Zufahrt einbog. Ihm entstieg rasch und behände niemand anderes als die talentierte Frau von Sir John Lavery. „Sie malen! Aber was zögern Sie? Geben Sie mir einen Pinsel – den großen da.“ Schwupp in das Terpentin getunkt, jäh auf das Blau und Weiß eingedroschen, hektisches Gefuchtel auf der – nun nicht mehr sauberen - Palette und dann mehrere ausholende Hiebe und Watschen von Blau quer über die nun vollends eingeschüchterte Leinwand. Jeder konnte sehen, dass sie unfähig war, zurückzuschlagen. Kein grimmiges Schicksal rächte den kecken Überfall. Hilflos grinsend stand die Leinwand vor mir. Der Bann war gebrochen. Die ungesunden Hemmungen verflogen. Ich ergriff den breitesten Pinsel und fiel mit der Rage eines Berserkers über mein Opfer her. Seitem habe ich nie wieder vor einer Leinwand Scheu empfunden.

Aus W. Churchill, „Zum Zeitvertreib“ Vom Lesen und Malen.

Altes Jahr, du ruhst in Frieden

aus op. 69/2012, Neithard Bethke

20 schlichte Lieder durch das Jahr nach zeitgenössischen und überlieferten Texten für entweder eine Solostimme und Klavier/Orgel oder vierstimmigen Chor

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Klavier: O. Dribas



Altes Jahr, du ruhst in Frieden, deine Augen sind geschlossen. Bist von uns so still geschieden, hin zu himmlischen Genossen.

Und die neuen Jahre kommen, werden auch wie du vergehen. Bis wir alle aufgenommen uns im letzten wiedersehen.

Wenn dies letzte angefangen, deutet sich dies Neujahrgrüßen. Denn erkannt ist dies Verlangen, nach dem Wiedersehn und Küssen.


Einige Lieder aus dem "Jahrkreis" sind als Grußkarten erschienen. Hier gibt´s mehr dazu...